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Und jetzt können Sie gehen

Roman

Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442737727
Sprache: Deutsch
Umfang: 239 S.
Format (T/L/B): 1.7 x 18.6 x 11.8 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Eine Frau, ein Mann, eine Pistole In ihrem Aufsehen erregenden Debütroman erzählt Vendela Vida von einer jungen Frau, die beinahe zum Opfer einer Gewalttat geworden wäre und verzweifelt versucht, den Weg zurück ins Leben zu finden. In dieser schwierigen Situation muss sie feststellen, wie viele ihrer Ansichten fremdbestimmt sind, wie viele ihrer Freunde unauthentisch und oberflächlich. Die junge Frau setzt sich mit ihrem Leben auseinander, ihrem Woher und Wohin, und als sie schließlich aus einem Impuls heraus dem Gewalttäter verzeihen kann, hat sie dem Glück auf die Sprünge geholfen.

Leseprobe

Was passiert, wenn so was passiert Es war Viertel nach zwei am Nachmittag des zweiten Dezember, als sich mir im Riverside Park ein Mann mit einer Pistole in der Hand näherte. Das weiß ich, weil mich fünf Minuten zuvor eine Mutter, die einen blauen Sportwagen mit einem schlafenden Mädchen schob, nach der Uhrzeit gefragt hatte. Ich war einundzwanzig und erst im September nach New York gezogen; ich kannte dort niemanden, und meine Tage glichen den von sanftem Sonnenlicht durchfluteten Räumen eines leer stehenden Hauses. Meine Nachmittage verbrachte ich im Riverside Park, gleich gegenüber meiner Wohnung. Die Bäume waren hoch und, im Dezember, ohne Vögel. In meiner Erinnerung spielt die Geschichte immer in der Gegenwart, fängt immer um Viertel nach zwei an. Ich spaziere die Parkpromenade entlang, und hinter mir sagt ein Mann: «Ma'am?» Ich drehe mich um, vermute, dass er eine Auskunft braucht oder dass ich einen Handschuh verloren habe. Aber wer sagt zu einer jungen Frau Ma'am? Der Mann trägt eine offene schwarze Lederjacke und eine Brille mit schmalem Gestell. Seine rechte Hand steckt unter der Jacke, und er scheint sich, wie Napoleon, die linke Taillenseite zu halten. Er ist kräftig - eher breit als groß - und kommt auf seinen dicken Beinen näher. Ich bin auf der Promenade und kann Kinder mit ihren Kindermädchen spielen hören, mit ihren Hunden, und das Geräusch ihres Lachens verrät mir die Entfernung zwischen ihnen und mir. Ich trete einen Schritt zurück, drehe mich dann um und gehe in dieselbe Richtung weiter wie vorher, nur schneller. «Ma'am», sagt die Stimme hinter mir. «Ich habe eine Pistole. Wenn Sie weitergehen, erschieße ich Sie. Tun Sie einfach, was ich sage.» Ich drehe mich wieder zu ihm um. Ich denke, ich hoffe, dass er Witze macht, bis er seine Jacke aufhält und mir die Pistole in seiner rechten Hand zeigt. Ich habe schon Pistolen gesehen, habe welche in der Hand gehabt, auf einem Schießplatz in Florida, mit einem früheren Freund zusammen - später aßen wir Orangen- und Limoneneis. Ich habe ihr Gewicht gespürt, den Rückstoß, als ich einmal eine Fünfundfünfziger abfeuerte. Noch nie aber hat jemand eine Pistole auf mich gerichtet. «Wollen Sie Geld?», frage ich und leere die Taschen meines blauen Mantels. Das Futter ist kariert; ich weiß nicht, ob mir das vorher je aufgefallen ist. Mit zitternder Hand krame ich achtzig Cent hervor und halte sie ihm hin. «Das ist alles, was ich habe», sage ich. Ich klammere mich an den Gedanken, dass er Geld will. Er schaut meine Hand an, als hätte sie ein Loch. «Ich will Ihr Geld nicht», sagt er. «Und bleiben Sie endlich stehen, sonst schieße ich.» Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich immer noch weitergehe. Jetzt sage ich in einer Art Singsang «Nein, nein, nein» und stelle fest, dass ich nicht zu ihm nein sage, sondern zu den Ereignissen, die, ich spüre es, ihren Lauf nehmen. Ich weiß, was passiert, wenn so was passiert. Rechts von der Promenade, parallel zum Fluss, steht eine Mauer, und ich stelle mir vor, dass er mich hinter diese Mauer bringt, mit seiner Pistole, die er mir, während er mich vergewaltigt, an den Kopf halten wird. «Gehen wir da rüber», sagt er und weist mit dem Kinn Richtung Mauer. Ich überlege, ob ich abhauen, ob ich so schnell losrennen soll, dass ich, vor lauter Angst zu stolpern, nicht mal auf den Boden sehen kann. Doch dann stelle ich mir vor, ich werde in den Rücken geschossen. Bin gelähmt. Nein, beschließe ich, da ist Vergewaltigung immer noch das kleinere Übel. Der Mann mit der Pistole und ich gehen nebeneinander her die Promenade entlang. Wir sind ein Paar, das einen Spaziergang im Park macht. «Setzen wir uns auf die Bank da», sagt er. Es gibt zwei Bänke: Die eine ist dem Fluss und New Jersey, die andere dem Park zugewandt. Ich bin erleichtert, als er die dem Park und der Promenade zugewandte auswählt, wo normalerweise Leute sind, wo, so bete ich inständig, bald Leute sein mögen. «Ich will sterben», sagt er. Seine Wimpern sind lang. Vielleicht wi Leseprobe

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