„Der Junge aus dem Meer“, besprochen von Helke Stadelmeier
Manchmal spült das Meer nicht nur Treibgut an Land, sondern ein ganzes Leben. In Garrett Carrs beeindruckendem Debütroman beginnt alles mit einem Baby, das 1973 an der rauen Westküste Irlands wie ein rätselhaftes Geschenk am Strand liegt.
Im Mittelpunkt: Zwei Brüder, die nie ganz zueinanderfinden – Brendan, der Angespülte, und Declan, der Erstgeborene mit dem siebten Sinn für Rivalität.
Carrs Roman ist kein lauter, sondern ein eindringlicher. Er erzählt vom Überleben im kargen Fischerdorf, vom täglichen Ringen mit dem Meer und dem Schicksal – und davon, wie sich Verletzungen über Jahrzehnte einbrennen können. Besonders raffiniert: Das Dorf selbst erhebt die Stimme. Dieses Stilmittel verleiht der Geschichte einen mythischen, fast chorischen Klang. Es, ist nicht nur das Einfangen einer untergehenden Lebenswelt, sondern auch das große Kunststück, Versöhnung glaubhaft und bewegend zu erzählen – ohne Kitsch, ohne Pathos.



