Der Stotterer, besprochen von Theodor Lindner

Wenn man Stotterer ist und kaum fünf Worte heraus bekommt, ohne zu stocken, ist es wohl nicht verwunderlich, wenn man generell eher auf das geschriebene Wort setzt. Und wenn man dann auch noch seine Kindheit und Jugend in einer Sekte verbringt, die das eigene schlaue Köpfchen recht bald durchschaut, dann ist eine interessante Charakterentwickling vorprogrammiert.

Johannes Stärckle hat genau diese Entwicklung durchgemacht und sie machte ihn zum geschickten Trickbetrüger – auch wenn er für diesen Begriff nicht sonderlich viel übrig hat, schließlich würde ihn das auf eine Stufe stellen mit all jenen jungen Männern, die auf einfachste Weise Rentnerinnen um ihr Kleingeld erleichtern.

Durch eine literarische Unsorgfältigkeit, wie er es nennt, wird er schließlich doch gefasst und ins Gefängnis gebracht. Der Pfarrer der JVA erkennt das schriftstellerische Talent des Häftlings und macht ihm ein lukratives Angebot: Im Austausch gegen regelmäßige Briefe mit Anekdoten aus seiner Kindheit und seinen Verbrechen soll er die Gefängnisbibliothek verwalten dürfen. Stärckle sagt sofort zu, schließlich handelt es sich dabei endlich um einen seinem Intellekt angemessenen Job. Darüber hinaus nutzt er dies gezielt zu seinem Vorteil, gehört doch schließlich der Pfarrer zu jenen Leuten, die seine Zukunft nach der Entlassung beeinflussen können.

Im Roman "Der Stotterer" bekommen wir in erster Linie Stärckles Briefe an den Pfarrer zu lesen und lernen damit seine Familie und sein Leben kennen. Auch seine Betrügereien, die bereits im Kindesalter begannen, werden ausführlich geschildert. Jede einzelne ist dabei auf einer Skala von "amüsant" zu "absolut verstörend" auf einer anderen Stelle einzuordnen – und nicht unbedingt wahr, denn Stärckle gibt schon früh zu, gern Wahrheiten ein wenig zu verdrehen. Dass er aufgrund seiner Erziehung außerdem die Bibel auswendig kennt und auf zynische Weise Verse einwirft, die einem Pfarrer im Kontext nicht unbedingt gefallen, gibt dem Buch seinen ganz eigenen, bitterbösen Charme. Charles Lewinsky bewegt sich mit dem Stotterer stets zwischen Witz und Ernsthaftigkeit und schafft damit ein unglaubliches Leseerlebnis.


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